Wie schlecht spricht Warstein?

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Unter dem Titel „Wie schlecht spricht Warstein, Herr Tisch?“ veröffentlichte die WESTFALENPOST zum Beginn des neuen Schuljahrs ein Interview mit dem Logopäden Wolfgang Tisch. Dabei ging es um Schwächen, Entwicklungen und Chancen. Lesen Sie nachfolgend das Interview, vom 31. Juli 2012, das Mike Fiebig mit Wolfgang Tisch führte.

WP: Herr Tisch, wie schlecht spricht Warstein?

Wolfgang Tisch: Es gibt nur Untersuchungen für das Bundesgebiet. Die sprachlichen Leistungen sind im Laufe der letzten 25 Jahre schlechter geworden. Das hat mehrere Gründe. Vor allem der Mediengebrauch spielt eine Rolle. Die verschlechterten Sprachleistungen werden jetzt schon in Kindergärten aufgefangen.
WP: Inwiefern?

Wolfgang Tisch: Es gibt Förderprogramme, zum Beispiel für mehrsprachige Kinder. Das ist in Warstein aber kein großes Problem, sondern eher in den Ballungszentren.

WP: Welche Menschen machen den Großteil ihrer Klientel aus?

Wolfgang Tisch: Ein Großteil sind Kinder, meistens im Vorschulalter, überwiesen durch den Kinderarzt. Oft auch im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen. Wenn die Kinder nicht altersgemäß sprechen und verstehen können, werden sie zu uns geschickt. Parallel zur Entwicklung des demographischen Faktors, behandeln wir aber auch immer mehr alte Menschen.

WP: Wie hat sich das Feld der Logopädie hier bei uns in Warstein verändert?

Wolfgang Tisch: Wir machen deutlich mehr Hausbesuche, weil wir mehr alte Menschen betreuen. Die Schwächen und Probleme sind aber noch die gleichen wie vor 25 Jahren. Es werden mehr Kinder mit deutlichen Sprachentwicklungsstörungen vorgestellt. Da reden wir dann nicht mehr über ein unsauberes „K“ oder ein „S“.

WP: Was sorgt für Defizite bei den Kindern?

Wolfgang Tisch: Es gibt immer mehrere Gründe. Hier im ländlichen Raum sind es häufig familiäre Sprachschwächeauffälligkeiten. Viele Mütter und Väter waren schon bei mir und jetzt kommen ihre Kinder.

WP: Hat es etwas mit dem Bildungsgrad zu tun?

Wolfgang Tisch:Es hat etwas mit dem sprachlichen Umgang im Haus zu tun. Der ist nicht unabhängig vom Bildungsgrad.

WP: Sie sagen, die Medien seien ein entscheidender Grund für Sprachdefizite bei unseren Kindern.

Wolfgang Tisch:Nicht das Fernsehen ist schlecht per se, sondern wie es eingesetzt wird. Es ist zum Beispiel ungünstig, den Fernseher parallel zum Alltag der Familie laufen zu lassen. Es ist aber gut, ausgewählte Sendungen zu gucken und sie auch wiederholt zu gucken. Man kann die Sendung mit der Maus aufnehmen und wieder gemeinsam ansehen. Kinder lernen durch Wiederholung. Das Problem bei vielen Medien ist, dass sie passiv konsumiert werden. Die Kinder hören, aber sie sprechen nicht.

WP: Inwiefern hilft Lesen?
Beim Lesen wird die Schriftsprache gleich mittrainiert. Das hilft beim Erlernen der Lese-Rechtschreibkompetenz und unterstützt den sprachlichen Ausdruck.

WP: Was können Eltern daheim richtig machen, um mit ihrem Kind nicht zum Logopäden zu müssen?

Wolfgang Tisch:Es ist sehr wichtig, mit den Kindern in Kontakt zu sein. Man sollte sie also nicht immer allein zum Spielen schicken, sondern auch mal dabei sein. Erwachsene sind außerdem immer ein sprachliches Vorbild. Die Kinder lernen ganz viel von uns. Im Bereich von Sprechungenauigkeiten – verkürzte Sätze oder ungenaue Grammatik – lässt sich manches auch bei den Eltern beobachten.

WP: Kann man selbst Sprachfehler abtrainieren?

Wolfgang Tisch: Wenn eine Störung der Artikulation oder der Grammatik besteht, sollte man sich an den Fachmann wenden. Laienhafte Therapieversuche haben den Nachteil, dass sie oft nicht funktionieren und die Kinder dann später demotiviert zum Logopäden kommen.

WP: Wieso machen die Kinder diese Fehler?

Wolfgang Tisch: Es gibt minimale Hörverarbeitungsdefizite im Gehirn. Die betroffenen Kinder sind nicht fähig, sprachliche Unterschiede rauszuhören. Auf der anderen Seite gibt es Kinder, die mit der Koordination der am Sprechen beteiligten Muskelgruppen Schwierigkeiten haben.

WP: Wie hoch sind die Erfolgschancen der Behandlung?

Wolfgang Tisch: Sehr hoch. Sie liegen annähernd bei 100 Prozent. Die Schlüsselstelle ist aber immer der Arzt. Nur er stellt eine entsprechende Verordnung aus.

WP: Wenn ein Mann wie Sie vor dem Fernseher sitzt, schlagen sie dann die Hände über dem Kopf zusammen, wenn Sie hören, wie manche Leute sprechen?

Wolfgang Tisch: Nicht so sehr bezüglich der Grammatik oder der Artikulation. Es gibt in Funk und Fernsehen selten Menschen, die z.B. lispeln, sie kämen gar nicht ins Fernsehen. Große Ohren habe ich bei den Stimmen. Schlecht eingestellte Stimmen übertragen sich in der Wirkung auf den Zuhörer. Die Stimmen, vor allem von Politikern, werden nie richtig trainiert.

WP: Muss ich auch im Alter etwas tun, um sprachlich fit zu bleiben?

Wolfgang Tisch: Das Gehirn bleibt länger elastisch und leistungsfähig, wenn wir es fordern.

WP: Würden Sie sagen, dass es das Schlimmste wäre, nicht mehr sprechen zu können?

Wolfgang Tisch: Das Schlimmste wäre, verstehen zu können, aber mich nicht mitteilen zu können. So eine Kombination gibt es bei Menschen mit dem Locked-In-Syndrom. Der Film „Schmetterling und Taucherglocke“ ist ein eindrucksvoller Beitrag zu diesem Thema.

WP: Wie sind die Behandlungserfolge bei ihren älteren Patienten?

Wolfgang Tisch: Verbesserungen lassen sich bei sprachlichen Störungen erreichen, die im höheren Lebensalter auftreten. Leider bleiben oft Reste, welche die Kommunikation der Patienten im Alltag nachhaltig erschweren.

Quelle: Westfalenpost Warstein vom 31.07.2012

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